Freitag, 22. Mai 2009

Nachtflug

Keine Ahnung, wie Herr Josef das macht, aber jedenfalls funktioniert es. Kurz nach Mitternacht juckt es zwischen meinen Schulterblättern und im nächsten Augenblick spüre ich schon das Ziehen und den anschließenden kurzen Schmerz. Schnell springe ich auf und schaffe es gerade noch, mir das Hemd über den Kopf zu ziehen, bevor es zerreißt. Meine Mutter braucht nicht noch mehr Fragen zu stellen.
Stolz betrachte ich die glänzenden Schwingen, die sich lautlos aus meinem Rücken herausarbeiten. Mit siebzehn habe ich meine volle Spannweite noch nicht erreicht, aber viel fehlt auch nicht mehr. Nur mit meiner Jogginghose bekleidet, öffne ich das Fenster. Dumm, dass ich mit den gigantischen Flügeln kaum noch hindurchpasse. Wahrscheinlich sieht es enorm peinlich aus, wie ich mich seitlich herauspresse. Hoffentlich ist keiner der Jungs in der Nähe. Das schmale Fensterbrett biegt sich gefährlich durch unter meinem Gewicht. Alles andere als elegant lasse ich mich fallen. Erstaunt darüber, wie schnell der Boden näher kommt, vergesse ich, meine Flügel in Bewegung zu setzen. Aber dann kriege ich die Kurve und schwinge mich kraftvoll empor. Ich mache ein paar Loopings über dem Wald und lasse mich über der Wiese so tief fallen, dass meine Füße nass werden und ungewollt auch meine Hose.
Als ich im Dorf ankomme, sehe ich Armin und Kolja über dem Kirchplatz kreisen. Heute habe ich keine Lust, mit den beiden Strebern unter den Ersten zu sein. Deshalb fliege ich rasch in eine Seitengasse und auf das Pfarrhaus zu.
Durch die Scheibe sehe ich Maria. Ihr Kater pennt neben ihr, zusammengerollt auf dem Kopfkissen. Ich betrachte die beiden eine Weile. Ihr Mund ist leicht geöffnet und einmal seufzt sie etwas. Ich würde gerne sagen, dass es mein Name ist, aber das wäre vermutlich gelogen.
Berauscht von ihrem Antlitz mache ich noch einen kleinen Looping direkt über dem Schornstein, als ich aus dem Augenwinkel sehe, dass die Zeiger der Kirchturmuhr auf die eins vorgerückt sind. Auf der Plattform unter der Turmspitze haben sich die Jungs bereits versammelt und diskutieren. Ich lasse mich in ihre Mitte plumpsen. “Gib’s zu, du hast wieder bei Maria ins Fenster geglotzt”, fährt Kolja mich sofort an. Die anderen lachen. “Ich finde, du setzt deine Fähigkeiten zu einem eigennützigen Zweck ein. Man sollte dir eine kleine Abreibung verpassen!” “Verdammt, halt bloß die Klappe, du…”, rufe ich, doch Jonas unterbricht mich: “Hört auf, das reicht. Lasst uns lieber loslegen. Ich erkläre euch, was heute Nacht ansteht.”
Nach einer halben Stunde erheben wir uns gemeinsam in die Luft. Der Mond ist fast untergegangen und die Sterne leuchten an einem wolkenlosen Himmel. Wir fliegen höher und höher, lassen die Häuser und den Kirchplatz weit zurück. Unter uns ist jetzt der Wald. Ich schüttele die Gedanken an mein normales Leben völlig ab, jetzt bin ich nicht mehr ich, sondern ein Held im Auftrag einer höheren Macht. Ja! Ich jauchze und lasse einen kleinen Urschrei los.
Jonas zwei Meter unter mir, guckt mich wütend an. “Halt die Klappe, Mann. Oder willst du, dass wir Ärger kriegen?” Idiot, denke ich, bin von da an aber ruhig. Wäre Jonas nicht Herr Josefs Liebling, würde ich ihm natürlich nicht gehorchen. Aber ich kenne die Regeln. Ärger mit einem Zauberer kann ziemlich unangenehm werden. Als der Wald den Wiesen weicht, kann ich in der Ferne die Autobahn hören. Jonas fliegt jetzt an der Spitze. Wir folgen ihm dicht an dicht und alle sind hochkonzentriert. Gleich geht es los. Ich straffe die Schultern. Mache mich wie immer auf das Schlimmste gefasst. Als wir über die Hügel kommen, ist die Straße direkt unter uns. Irgendwo hier muss es sein. “Passt auf!”, ruft Jonas. Ein tanzendes Lichterpaar kommt aus der Ferne näher. Es sind die Scheinwerfer eines riesigen Reisebusses, der um die Kurve trudelt, unkontrolliert über die Fahrbahn, den Rand hinaus schlittert und schließlich mit durchdrehenden Rädern im Graben landet. Dabei splittert das Glas der Fenster und die Karosserie verbiegt sich krachend. Wir sind genau rechtzeitig da, kreisen den Bus von allen Seiten ein. Als keine Teilchen mehr durch die Luft sausen, lassen wir uns ein Stück fallen. Aus den Blechwänden steigen nun schwach glimmende Schemen auf, durchscheinend und nur sichtbar für unsere Augen. Es werden immer mehr. Wir nehmen sie in unsere Mitte. Sie flattern aufgeregt wie Schmetterlinge und versuchen, zu allen Seiten auszubrechen. Sie sind sehr schnell, doch wir sorgen dafür, dass uns keiner verloren geht.
Später, als wir auf dem Heimflug sind, frage ich mich, wohin der Bus unterwegs war, woher er kam. Und warum wir nicht eingreifen dürfen, den Lauf der Dinge einfach ändern. Herr Josef spricht dauernd vom Gleichgewicht.
Ich weiß nicht einmal genau, was er damit meint.

Was wäre ich,wenn ich ein Buch wäre?

Was wäre ich, wenn ich ein Buch wäre?


Wenn ich ein Buch wäre, wäre ich in einer Reihe von 14 Bänden Band Nummer sieben, Erscheinungsjahr 1987.
Jedes Buch dieser Reihe ist individuell. Keines ist genauso dick oder genauso groß wie ein anderes. Band Nummer sieben ist nicht so füllig wie ein handelsübliches Lexikon, aber auch nicht so dünn wie eine Novelle. In diesem Band sind nicht so viele Seiten bedruckt wie in denen, die vor ihm erschienen sind, er ist jedoch mehr gefüllt als die nachfolgenden Bände.
Der Inhalt ist nur das erste Viertel einer Geschichte, die (noch) nicht zu Ende geschrieben wurde – Der Anfang einer gewöhnlichen, aber doch individuellen Geschichte eines jungen Menschen, der in einer Familie aufgewachsen ist, in der er es schwer hatte seine Rolle beziehungsweise sich selbst zu finden. Nie hat er richtig zu den Erwachsenen gehört, aber auch nicht zu den Kleinsten der Familie. Er stand zwischen ihnen wie Band Nummer sieben zwischen den restlichen 13 Bänden. Die Geschichte setzt sich mit jedem Tag fort und wird mit dem Tod des Hauptprotagonisten enden.

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