Samstag, 16. Mai 2009

Ueberarbeitung der "Papa-Geschichte" aus dem Virtuellen Seminar, Allgemeine Texte 3

@ANH: besten Dank fuer die Kommentare! Ich habe versucht, sie zu beruecksichtigen. Das Ende ist immer noch offen, aber hoffentlich "runder". Zur "Dickung": dies ist ein Begriff aus der Forstwirtschaft und mir von zu Hause her gelaeufig, dasselbe gilt fuer "Schonung" (jetzt in der Ueberarbeitung): gemeint ist ein dichtes, angelegtes Nadelwaeldchen - die Baeume stehen sehr dicht, die Zweige ueberlappen sich. Falls die Woerter zu gesucht oder speziell sind, koennte ich sie auch durch andere ersetzen.

Hier nun die ueberarbeitete Fassung:


Nur wenn er schießt, ist Papa ruhig. Rumpf und Arm bilden einen rechten Winkel; Papa zielt, ohne zu zittern, ohne zu schwanken.

Die gemeinsamen Mahlzeiten - das Frühstück, das Mittagessen, das Abendessen - sind am schlimmsten. Unsere Blicke weichen aus, wir wollen Papas Hände nicht sehen, wollen nicht sehen, wie ihr Zittern Wellenringe in der Teetasse wirft, nicht sehen, wie an den Zinken die Wurstscheibe wackelt. Ich fixiere einen Punkt an der Wand, knapp über der Stuhllehne, doch die Ohren lassen sich nicht schließen: "Scheiße!", zischt Papa hinein in das Schweigen.

Er trifft immer ins Schwarze. Als wir die Schussschneise abschreiten, kann ich bereits aus der Ferne die durchlöcherte Schießscheibe erkennen. Im Lehmwall stecken die Kugeln, ich kratze sie heraus und Papa steht daneben. Wir sind die ersten am Schießstand. Obwohl wir allein sind, nehmen wir den Hörschutz nicht ab.

Wenn das Schweigen unerträglich wird, fange ich an zu zählen: eins, zwei - "Scheiße!" Selbst am Küchentisch trägt Mama Schürze. "Was hat er?" "Dein Vater ist krank, du mußt jetzt ganz lieb zu ihm sein." Er legt sich längs auf die Küchenbank und schläft sofort ein. Wir bemühen uns, beim Abwaschen keinen Lärm zu machen. Auf der schmalen Bank, wirkt Papa verkleinert, fast friedlich, wie je schnurrt sein Schnarchen durch das Geschirrklappern.

Ich wünsche mir einen Hörschutz für die gemeinsamen Mahlzeiten. Die Kugeln bürste ich sauber und fülle sie in Plastiksäckchen, zentnerschwer lagern die zerplatzten und verbeulten Geschosse im Keller. Seit sie einen Kranken im Haus hat, bindet Mama die Schürze nicht mehr ab. "Was ist los mit dir?", murmele ich, als ich die Kugeln aus dem Lehm kratze. Papa steht daneben und hört mich nicht.

Er zieht mich hinter sich her, beim Auto bleibt er stehen: "Wir müssen reden!" Er zieht mich weiter, hinein in die Dickung, die feuchten Tannenzweige schlagen uns ins Gesicht, erst auf einer kleinen Lichtung halten wir an. Unsere Gesichter sind rot und erhitzt. Papa sitzt vor mir im ausgebleichten Gras und zittert und schwankt. In der Ferne krachen Schüsse, ihr Echo hallt durch die Schonung. "Komm", sage ich, "die anderen sind da!" Ich gehe los. Ich schaue mich nicht um.

Ich kauere am Heck, horche auf das Echo der Schüsse. Eins. Zwei. Die Kugeln in den Taschen ziehen die Jacke zu Boden. Die Reifen der eintreffenden Autos rollen langsam über den knirschenden Splitt. Immer öfter krachen die Schüsse. Irgendwann, nach sehr langer Zeit, kommt Papa aus dem Wald.

Zug

Der Zug fährt an. Einige Sekunden davor ein leichtes Vibrieren der Sitze, fast unmerklich. Wer schon lange fährt, Erfahrung hat, kann es spüren. Dann ein Ruck, die Landschaft setzt sich in Bewegung. Die Geschwindigkeit steigert sich, bis zu einem bestimmten Level, über das sie nicht hinauskommt, gleich einer unsichtbaren Wand, die der Zug nicht durchdringen kann. Auch er ist gefangen. Er kann nicht ausbrechen, er folgt den Schienen, muss ihnen folgen. Wie das unentrinnbare Schicksal liegen sie vor ihm. Fahren, fahren, immer nur fahren. Weite Felder kommen in Sichtweite, näher, durch sie hindurch, verschwunden. Orte, Bilder sind bekannt, flüchtig, wie jemand, der hier und da in das Leben tritt, ohne je eine Hauptrolle zu spielen. Niemand, sich anzuvertrauen. Der Zug bremst, veliert an Geschwindigkeit, ein Bahnhof liegt in Sichtweite. Halt. Leute verabschieden sich, steigen aus, andere, neue Gesichter kommen hinzu. Dann das alles wieder von vorne. Anfahren, beschleunigen, durch die Landschaft, bremsen, anhalten, stehen. Immer und immer wieder. Wie ein Zirkel. Wie ein Fluch. Unterwegs sein, ohne anzukommen. Ankommen, ohne bleiben zu dürfen.

Ich sitze am Fenster, schaue in die bewegte Landschaft vor mir. Schräg links mir gegenüber einer jener gesichtslosen Fahrgäste. Wir tun so, als würde der andere nicht existieren, als seien wir allein in diesem Zug. Ich bin es auch. Allein unter all diesen Menschen.
Ich achte nicht mehr darauf, was draußen zu sehen ist, ob es ein Haus, ein Baum, eine vielbefahrene Straße ist, was da vorübergleitet. Ich sehe nur die Bewegung. Das Denken wie gelähmt.
Eine Wiese. Leuchtend grün. Große Bäume mit weit ausholenden Ästen. Wir könnten da im Schatten liegen, auf einer leichten Wolldecke. Kühlen Sekt und süße Trauben neben uns. Dazu vielleicht einer dieser großen Picknick-Koffer aus hellbraunem Flechtwerk. Wir könnten da draußen sein, wir würden das Gras riechen und das Salz, das in der Luft liegt. Der Boden fest und feucht unter uns. In diesem Gemälde sein, statt es nur zu betrachten. Es könnte Sommer sein.
Ich fühle mich wie eine Pflanze, die ein dummer Junge aus ihrem Erdreich buddelte. Meine Wurzeln, zerrissen, sie wollen zurück. Sie liegen an der Luft, ohne Wasser, fremd die Welt außenher. Fremd und falsch. Ich weiß jetzt, was ich empfinde. Es ist Mangel. Ein Gefühl des Fehlens. Ein Stück meiner Welt, lebensnotwendig, ist verloren gegangen. Es fehlt und fehlt und wächst nicht nach.

Archäologie

Archäologie

Natürlich gibt es davon noch viele,
Orte, an denen sich zu lagern lohnt
Reihenhaus oder Studentenleben
etliche, mit denen ich spiele.

Ganz ehrlich aber laden mich diese Städte
nicht ein als Hauptwohnsitz
mit grauen Plattenbauten und
anonymen Shoppingmeilen
bei denen niemand weiß, was sehenswert ist
ohne Zentrum, Wuchs und Flair
und vor allem: Einzigartigkeit.

Da war es damals doch schon anders
Frische auf dem alten Marktenplatz
ein Tanz, ein Blick und doch geglaubt
an den Lorbeerschatz,
mein Landgut wäre hier errichtet,
mit Brunnen und Plätzen, wo die Jugend sich trifft
Bälle ohne Beton, zum Schwärmen Zeit
Eiscafés mit lauer Abendluft
und natürlich dir im Sommerkleid.

Jetzt weiß ich nicht, wo niederlassen
gleich schlecht ist überall das Grau, das Matt
vielleicht bleib´ ich ohne Heim und träume nur
von dieser schönen verwehten Stadt.

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