Kurzgeschichten

Donnerstag, 3. Juni 2010

Morgenrot

Es freut mich, dass sich für heute und gestern sogar ein passender Kontext zu meiner frühlingshaften Kurzgeschichte ergeben hat.

Ich bestehe sehr auf der Schriftart, darum der externe Link:
http://chymera.eu/pdfs/Morgenrot.pdf

Dienstag, 27. Oktober 2009

Ihre Wissenschaft ist meine Libido!

Émile legt das Manuskript in den Einzug und beobachtet wie der Kopierer die erste Seite schluckt. Er wippt im Rhythmus der Kopien von den Fersen auf die Zehen. Der Kopierer schluckt die zweite Seite, legt die dritte frei, eine Lithographie, kaum Kontrast. Ein blasses Gesicht, hohe Stirn, Nickelbrille, buschige Henriquarte. Émile schließt die Augen, wippt und wippt, Vorlagen werden eingezogen, Kopien ausgespuckt. Ein Piepsen bringt ihn aus dem Rhythmus. Er löst die Seitenverkleidung und zieht das zerknitterte Papier aus der Walze, drückt «fortfahren». Ein Brief, die Handschrift, das S ohne Kurven, nur ein Strich, Querstriche über den Langvokalen. Émile liest stumm, zerknüllt mit dem letzten Satz das Papier, wirft es gegen die Wand, setzt sich auf den Boden, klopft mit den Knöcheln seine Stirn: «Er weiß, es kennt ihn jedes Kind» und starrt in die Papierausgabe. Die Kopien gleiten auf den Stapel. Das Druckgeräusch verstummt, er kniet vor dem Kopier, nur die Transportrollen drehen noch nach. Er nimmt die letzten Kopien, zerrt am Stapel, ihn zu zerreißen. Ein kleines Donnerblech, das in Schwingung gerät. Er schlägt den Stapel gegen den Kopierer, ein Scheppern. Lässt sich auf den Bauch fallen, wimmert, seine Wange berührt die Fließen. Er sieht sie unter der Eckbank, kriecht unter den Tisch, zu ihr. Gebückt, im Schneidersitz, die Maschine vor sich, zerschneidet er den Stapel in ungleiche Teile. Er kehrt die Schnipsel zu einem Häufchen, krabbelt unter dem Tisch vor, schiebt es vor sich her, steht auf, zieht mit Zeige- und Mittelfinger seinen Scheitel nach, klopft seine Hose ab, steckt das Manuskript in seine Mappe, die Schnipsel in seine Jackettaschen, verlässt den Kellerraum.
Im Hörsaal setzt er sich in die erste Bank, zieht einen Klammeraffen aus seiner Mappe, legt ihn neben sich. Émile schließt die Augen, fährt mit seinen Fingerkuppen über das Holz, die Scharniere, die Stiftrinne, über die eingeritzten Sprüche. «Wenni, wen nie, nein, Wennihndiewelt, wenn ihn die welt, dieerbet, die er betrog». Er starrt auf den Tisch: «mit großen klaren Augen misst», an die Decke, beißt auf die Backenzähne, dass die Kieferknochen pulsieren, spreizt die Finger und beobachtet sich, wie er auf den Klammeraffen schlägt, immer wieder mit der flachen Hand, Klämmerchen rieseln auf den Marmor. Die Mappe unter dem Arm, verlässt er den Hörsaal, das Seminar, überquert den Kopernikusplatz.
Vom Café im Winkel aus beobachtet er, wie der Wind die Spur zerstäubt, Schnipsel, die aus seinem Jacket gefallen sind, beige Drei- und Vierecke. Kinder jagen Tauben nach. Ein kleiner Junge betrachtet ein Dreieck, Vorder- und Rückseite, nimmt ein zweites, hält sie aneinander, gegen die Sonne, dreht sein Kaleidoskop, lässt Formen entstehen, wie es seine Handgelenke zulassen. «Und keimt schon in des Knaben Blick», da ruft ihn sein Vater. Er dreht sich im Reigen, wird schneller, quiekt, wirft die Schnipsel in die Luft und rennt über den Platz, um eine Hausecke. Émile zieht zwei Schnipsel aus seiner Tasche, hält sie aneinander. «Darf ich Ihnen» - «Tee.» Er zündet sich eine Zigarette an und verschmort die Schnipsel mit der ersten Glut, zieht die restlichen aus der Tasche, klemmt sie unter den Aschenbecher, nimmt seinen Federhalter aus der Innentasche, schreibt, steckt den ersten Schnipsel in seine Mappe, schreibt auf dem nächsten weiter. Seine Beine zappeln unter dem Tisch, bis sich ihre Bewegungen im Rhythmus der Rathausglocken finden, ihn weiterführen, nach dem letzten Schlag. Er zieht den letzten Schnipsel vom Stapel, schreibt. «Darf ich noch» - «danke. Zahlen.»
Ein Schatten über Émile. «Ihre Wissenschaft war meine Libido!» Georg klopft Émile auf die Schulter, setzt sich ihm gegenüber, knöpft sein Jackett auf. «Soll das erotisch sein? » Émile steckt den Schnipsel in seine Mappe. «Émile.» - «Georg.» - «Ist etwas?» - «Das macht 2, 50.» - «Später, wir bekommen zwei Pils. Wegen Andrea?». Georg klebt sich ein Zigarettenpapier an die Lippe, lockert die Tabakfäden in seinem Beutel. «Hast du das Manuskript schon?» Émile schüttelt den Kopf, beobachtet sich, wie er die Fingernägel von Daumen und Zeigefinger abwechselnd über- und untereinander schiebt, ein Knistern vom Wackelkontakt. «Noch nicht fertig.» - «Was liest er heute?» - « Keller. Gedichte.» - « Ich liebe Keller.» Georg klopft mit den Knöcheln auf den Tisch, ein Lidschlag, Émile schaut auf. «Wenn du wegen Andrea so guckst, brauchst du das echt nicht tun. Ruf sie an, sie wartet bestimmt. Sie hat Dinge gesagt, du hast Dinge gesagt, dann sind die Dinge so im Raum gestanden, dann hat es niemand mehr ausgehalten da, beide sind gegangen, jeder woanders hin, in eine andere Ecke zum Schmollen.» Georg befeuchtet die Klebefalze, rollt den Tabak zur Zigarette, zündet sie an. «Die Dinge da im Raum stehen da, weil die so sind. Jedenfalls meine.» - «Glaubst du.» - «Sie hat gelogen, sie treffen sich, betrügen mich beide.» - «Und wenn. Ich lüge ständig. Keller. Ehrlich gesagt, ich finde ihn ermüdend, gut, ich kenne ihn kaum, hat der überhaupt Gedichte geschrieben?» - «Georg, das ist anders.» Die Kellnerin stellt zwei Tulpengläser auf den Tisch, die Brauereimarke flattert am Stiel. «Zum Wohl.» Georg prostet ihr zu. «Ziemlich früh am Tag.» Er lacht, sie stoßen an. «Eichendorff, Storm, alle ermüdend, sagt bloß niemand.» - «Ich ekle mich.» Émile nippt an seinem Glas. «Das klingt neurotisch.» - «Vor dem, was ich weiß.» Georg trinkt sein Bier auf einen Zug leer. «Émile, ich muss los, wir reden nach der Sitzung. Wir sehen uns später bei Weingartner, c.t., nicht wahr? Zahlst du für mich mit, ja? Ich hab gerade nichts einstecken. Und ruf sie an. Bis später.» Am Café läuft der kleine Junge vorbei. Die eine Hand beim Vater, in der anderen hält er einen Stock, kein Wanderstab, mehr Schwert oder Wünschelrute. Émile legt Münzgeld auf den Tisch, nimmt seine Mappe unter den Arm und folgt ihnen in die Fußgängerpassage.
Den Jungen zieht es mit ausgestrecktem Arm zu dem Blumentopf vor der Bäckerei. Silberblatt, die Blüten lila. Der Vater hält seine Hand fest, der Junge beobachtet, wie er an den Blumen vorbeilaufen muss. Émile nimmt den Schlenker, dicht an den Blumen vorbei, streicht sie sachte mit dem Handrücken. Sie biegen in die Zeugstraße, der Junge schlägt gegen die Regenrinne am Hauseck, sie scheppert. Der Vater reißt ihm den Stock aus der Hand, stellt ihn an die Hauswand, nimmt seinen Jungen auf den Arm, noch bevor er anfängt zu heulen. Émile nimmt den Stock, beobachtet wie sie sich entfernen, dann schlägt er gegen die Rinne, das Heulen verstummt. Der Junge schaut auf, das Kinn auf der Schulter des Vaters, ein breites Grinsen, Émile hebt die Hand, um zu winken, da biegen sie um die Ecke. Émile steht in der Straße mit den schönen Fassaden, Ornamenten aus Stein, da wohnt er. Er drückt mit der Schulter die Türe auf, da steht er im Innenhof, wo die Straßengeräusche nicht da sind, lässt den Stock fallen.
In ihrem Zimmer ist es stickig, Émile lüftet nicht, schiebt Papiere und Bücher mit dem Fuß an die Wand. Er zieht die Kopien aus der Mappe und legt sie den Dielen entlang auf den Boden. Wo der Platz nicht reicht, legt er sie im Fächer, vierzig Duplikate, der Zimmerboden ist bedeckt. Er bewegt sich auf Zehenspitzen, die er versucht in die freien Stellen zu setzen «Dieses Spiel, wenn wir zum Supermarkt gelaufen sind. Es war nie freiwillig. Einmal daran gedacht, musste man das spielen. Die Linien der Pflastersteine durften wir nicht berühren, sonst war man verbrannt. Betrügen konnte man auch nicht, jeder für sich wusste es ganz genau, wann er verbrannt war. Voreinander haben wir dann gesagt, nein, das gilt nicht, ja, das gilt nicht, aber wir wussten, dass es immer gegolten hat. Oft, wenn sie aus dem Gleichgewicht gekommen ist, bin ich auch auf die Linie getreten, damit wir den restlichen Weg gemeinsam rennen konnten, über den Zebrastreifen auf die Straße ohne Pflaster. » Er bewegt die Maus, holt den Computer aus dem Schlaf-Modus und öffnet den Editor, schiebt die Papiere und Bücher an die Schreibtischkante, schüttet die Schnipsel aus seiner Mappe, sortiert sie, ein Mosaik entsteht. «Wir hatten uns nie geschubst. Als ich bei ihm einen festen Stand gefunden habe, habe ich sie zu mir genommen, dann schubst sie mich auf die Linien, dass ich verbrenne. Oder er, das weiß ich nicht.» Er tippt einen Schnipsel ab, zerknüllt ihn, nimmt den nächsten. Keine Korrektur, eins zu eins. Anzahl, vierzig, drucken. Er beobachtet wie die ausgedruckten Seiten auf den Stapel gleiten. Die Patrone fährt zurück in das Druckergehäuse, eine Kadenz, Genugtuung stellt sich ein. Schläge auf den Klammeraffen. An zweiter Stelle oder in der Mitte, für Weingartner heftet er die Seite an das Ende.
Émile öffnet die Fenster, lüftet den Hörsaal, kontrolliert, ob genügend Kreide da und der Schwamm feucht ist, verteilt die Manuskripte auf die Bänke, setzt sich in die erste Reihe. Im Blick zur Tür sieht er den Stock. Die erste Studentin betritt den Saal, setzt sich, nimmt ein Manuskript und blättert, er merkt, dass sie ihn in den Nacken starrt, springt auf, greift seine Mappe, an der Tür den Stock, verlässt den Hörsaal, das Seminar und steht auf dem Kopernikusplatz.
Von der Seite, eine Stimme. «Émile, bleibst du nicht zur Vorlesung.» Er beschleunigt seinen Schritt, der Stock kreist elliptisch in der Waagrechten, Eisenbahnmechanik. Von weitem hört er Georg wieder. «Émile, wohin denn, Émile, bist du verrückt?» Er rennt die wenigen Meter bis zur Fußgängerpassage. «Émile, bleiben Sie nicht zur Sitzung?» Weingartner hält ihn am Arm. Émile schüttelt den Kopf. «Sie wissen wohl schon alles.» - «Wenn man an ihm vorübergeht, pfeift er aus Verlegenheit.» - «Keller, Lied vom Schuft, nicht wahr?» - «Die Jamben sind ziemlich ermüdend.» Weingartner löst seinen Griff. «Kennen Sie sich schon?» Andrea nickt. «Eine äußerst begabte Kommilitonin, finden Sie nicht auch?.» Im Innenhof, wo die Straßengeräusche nicht da sind, zieht er mit Zeige- und Mittelfinger seinen Scheitel nach, merkt an den Haaren, dass er schwitzt. Er muss gerannt sein.

Montag, 15. Juni 2009

Ausflug

Es lebte einmal eine Kuh auf einer Wiese. Sie hatte keine Freunde außer dem Gras zu ihren Füßen und dem Himmel über ihren Hörnern. Der Wind flüsterte ihr Träume von Liebe und Abenteuern zu und sie begann sich zu sehnen. Vor lauter Sehnsucht konnte sie nicht mehr schlafen und auch nicht mehr fressen. Eines Morgens war ihre Sehnsucht so groß, dass sie beschloss, auf Wanderschaft zu gehen. Sie lief und lief und lief und es gab nichts außer Himmel und Wiese. Als sie so lange gegangen war, dass sie entkräftet zu Boden sank, sah sie am Horizont einen Baum. Sie stemmte sich hoch und lief darauf zu. Je näher sie kam, desto mehr Bäume konnte sie ausmachen. Und bald war da ein ganzer Wald.
Sie folgte einem schattigen Pfad zwischen die Bäume. Alles war voller Leben. Es gab Vögel, Insekten, Mäuse und andere größere Tiere, die sie nicht kannte. Der Wald war erfüllt von Geräuschen, der Wind entlockte den Baumkronen seltsame Lieder, die Vögel sangen dazu im Geäst. Bienen und schillernde Fliegen schwirrten summend durch die Luft, Grillen zirpten, Laub und vertrocknete Äste knirschten bei jedem Schritt. Die Kuh ging umher und staunte, die Lieder des Waldes ließen ihre müden Beine tanzen. Gefangen von der Schönheit ruhte und rastete sie nicht.
Als die Nacht hereinbrach, war sie völlig erschöpft und wollte sich schlafen legen. Sie fand einen Platz auf einer Lichtung, dort konnte sie den vertrauten Nachthimmel sehen. Sie schloss die Augen und versuchte zu schlafen, doch da fiel ihr auf, dass die Geräusche des Waldes nicht verstummten, im Gegenteil: Sie änderten sich. Die Grillen schienen übermäßig laut, das Rauschen der Blätter beinahe bedrohlich. Unheimliche Vögel mit riesigen, glühenden Augen gaben klagende Laute von sich und in der Ferne erklangen die Stimmen eines heulenden Chors. So lag sie wach und lauschte und je länger sie lauschte, umso mehr Stimmen nahm sie wahr. Das verwirrte sie, und ihre Ohren begannen zu schmerzen. Aufgeregt stand sie auf und ging zwischen den Bäumen umher, doch sie fand keinen Ort, an dem es still war. Nach langem Suchen und Herumirren im Wald brach der Morgen an und die großen, unheimlichen Vögel wichen hunderten kleinen Vögeln, die ausgelassen den neuen Tag begrüßten. Unausgeschlafen und verwirrt, begann die Kuh die Gesänge des Waldes zu verabscheuen. Gab hier denn nie jemand Ruhe? Immer mehr wuchs ihre Abscheu. Schließlich verließ sie den Wald. Sie lief und lief und lief, bis sie an ihrer alten Wiese angekommen war. Es hatte sich nichts verändert, nur das Gras an ihrem Liegeplatz hatte sich ein wenig aufgerichtet. Sofort schlief sie ein und sie träumte nichts und als sie aufwachte, begann sie zu fressen.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Eis auf den Gardinen

Die Stimmung sei trotz der engen Wohnung hervorragend, dachte Becker, obwohl die vereisten Gardinen im Wohnzimmer für Unruhe unter den Gästen sorgten. Der Bürgermeister und seine Eminenzen waren da, ein ergrauter Tierbändiger aus dem Nachbardorf, den Becker von früher kannte, und einige aus Beckers aktuellem Bekanntenkreis. Die Räume waren in weiches, nicht zu helles Licht getaucht Das Licht war weich und nicht zu hell, wie man es sich in einem Drogenkeller vorstellte. Die Beine der hölzernen Tische, auf denen Papiertischdecken lagen, zerkratzten das Parkett, weil diese von übermütigen Gästen, die Sektgläser schwenkten und sich in dreckigen Lachen gebärdeten, hin- und hergeschoben wurden wie ein verachtetes Kind.Übermütige Gäste, die lachend Sektgläser schwenkten, zerkratzten das Parkett, indem sie die hölzernen Tische, auf denen Papiertischdecken lagen, ruckartig hin- und herschoben. NunBecker wrang Becker sein Leinenhemd über der Spüle aus, während eine Freundin ihn vom Kühlschrank aus beobachtete und einen Löffel vom Salat nahm. Weil Becker eine Essenswollust entwickeln konnte, wenn eine Frau so aß, die er außerdem begehrte, machte ihn das nervös. „Das Eis auf den Gardinen“, sagte die Freundin. Becker fragte, was damit sei. „Wie kommt es, dass es nicht taut, wo doch die Heizung läuft und hier doch mindestens zwanzig Grad sind? Müsste es nicht tauen?“ „Meine Liebe, ganz ruhig.“ Becker sprach tief. Er stand jetzt neben ihr und umfasste sie oberhalb der Hüften, seinen Kopf hielt er noch zurück. Sein Gesicht näherte er ihrem nicht. Sie deutete ein Lächeln an, aber erkaltete fast. Die Haare Der Flaum auf ihren freien Unterarmen, den Pullover hatte sie leicht hochgekrempelt, reckten sich in den Raum wie erhabene Pflänzchen, die sich empor träumten. glänzte im Licht, das sich von der Dunstabzugshaube fallend in einem Topfdeckel spiegelte. „Ich brauche meine Jacke.“ „Aber es ist doch warm.“ „Ich...“ Sie hatte sich gelöst und ging bereits in den Flur. Becker verharrte kurz, er gedachte der dachte an die Freundin, und . Er machte ein paar Schritte, und war im Wohnzimmer. Als er begann, schneller zu atmen, schlug die feuchte Luft ihm auf den Kopf. Die Luft war feucht. Er atmete schwer. Die Gardinen schimmerten wie Rauhreif. Neben dem Sofa stand Frau Becker, und verschwand. Zu oft vergaß Becker, dass sie nicht existierte. Der Tierbändiger kratzte am Eis. Die Kuppe seines Zeigefingers, den er sich vor die Augen hielt, war nass vom Tauwasser. Becker saß auf dem Sofa. Die Freundin setzte sich neben ihn. Sie trug einen braunen Pelzmantel, der ihn an die Pferdekoppel erinnerte, an der er am Wochenende auf seinen Spaziergängen vorbeiging. Die Farbe Der Farbton des Mantels war die eines der Rosse, von Becker als Naturgott verehrt. glich dem eines der Rosse, welche Becker als Naturgötter verehrte. Die Alten alten Gottheiten hatte er abgelegt. Bevor ich das Eis verflüssigt nässe, auf den Teppich, der unterm Sofa liegt, fließt, frage ich die Freundin, dass sie nicht gehe. sage ich der Freundin, sie solle nicht gehen. „Ich...“, sagt Becker, dreht sein Gesicht. Er schaut sich im leeren Wohnzimmer um. Eine Lache auf dem Holz. Eine silberne Pfütze, die aus Höhe des Fensters geronnen ist.

Freitag, 22. Mai 2009

Nachtflug

Keine Ahnung, wie Herr Josef das macht, aber jedenfalls funktioniert es. Kurz nach Mitternacht juckt es zwischen meinen Schulterblättern und im nächsten Augenblick spüre ich schon das Ziehen und den anschließenden kurzen Schmerz. Schnell springe ich auf und schaffe es gerade noch, mir das Hemd über den Kopf zu ziehen, bevor es zerreißt. Meine Mutter braucht nicht noch mehr Fragen zu stellen.
Stolz betrachte ich die glänzenden Schwingen, die sich lautlos aus meinem Rücken herausarbeiten. Mit siebzehn habe ich meine volle Spannweite noch nicht erreicht, aber viel fehlt auch nicht mehr. Nur mit meiner Jogginghose bekleidet, öffne ich das Fenster. Dumm, dass ich mit den gigantischen Flügeln kaum noch hindurchpasse. Wahrscheinlich sieht es enorm peinlich aus, wie ich mich seitlich herauspresse. Hoffentlich ist keiner der Jungs in der Nähe. Das schmale Fensterbrett biegt sich gefährlich durch unter meinem Gewicht. Alles andere als elegant lasse ich mich fallen. Erstaunt darüber, wie schnell der Boden näher kommt, vergesse ich, meine Flügel in Bewegung zu setzen. Aber dann kriege ich die Kurve und schwinge mich kraftvoll empor. Ich mache ein paar Loopings über dem Wald und lasse mich über der Wiese so tief fallen, dass meine Füße nass werden und ungewollt auch meine Hose.
Als ich im Dorf ankomme, sehe ich Armin und Kolja über dem Kirchplatz kreisen. Heute habe ich keine Lust, mit den beiden Strebern unter den Ersten zu sein. Deshalb fliege ich rasch in eine Seitengasse und auf das Pfarrhaus zu.
Durch die Scheibe sehe ich Maria. Ihr Kater pennt neben ihr, zusammengerollt auf dem Kopfkissen. Ich betrachte die beiden eine Weile. Ihr Mund ist leicht geöffnet und einmal seufzt sie etwas. Ich würde gerne sagen, dass es mein Name ist, aber das wäre vermutlich gelogen.
Berauscht von ihrem Antlitz mache ich noch einen kleinen Looping direkt über dem Schornstein, als ich aus dem Augenwinkel sehe, dass die Zeiger der Kirchturmuhr auf die eins vorgerückt sind. Auf der Plattform unter der Turmspitze haben sich die Jungs bereits versammelt und diskutieren. Ich lasse mich in ihre Mitte plumpsen. “Gib’s zu, du hast wieder bei Maria ins Fenster geglotzt”, fährt Kolja mich sofort an. Die anderen lachen. “Ich finde, du setzt deine Fähigkeiten zu einem eigennützigen Zweck ein. Man sollte dir eine kleine Abreibung verpassen!” “Verdammt, halt bloß die Klappe, du…”, rufe ich, doch Jonas unterbricht mich: “Hört auf, das reicht. Lasst uns lieber loslegen. Ich erkläre euch, was heute Nacht ansteht.”
Nach einer halben Stunde erheben wir uns gemeinsam in die Luft. Der Mond ist fast untergegangen und die Sterne leuchten an einem wolkenlosen Himmel. Wir fliegen höher und höher, lassen die Häuser und den Kirchplatz weit zurück. Unter uns ist jetzt der Wald. Ich schüttele die Gedanken an mein normales Leben völlig ab, jetzt bin ich nicht mehr ich, sondern ein Held im Auftrag einer höheren Macht. Ja! Ich jauchze und lasse einen kleinen Urschrei los.
Jonas zwei Meter unter mir, guckt mich wütend an. “Halt die Klappe, Mann. Oder willst du, dass wir Ärger kriegen?” Idiot, denke ich, bin von da an aber ruhig. Wäre Jonas nicht Herr Josefs Liebling, würde ich ihm natürlich nicht gehorchen. Aber ich kenne die Regeln. Ärger mit einem Zauberer kann ziemlich unangenehm werden. Als der Wald den Wiesen weicht, kann ich in der Ferne die Autobahn hören. Jonas fliegt jetzt an der Spitze. Wir folgen ihm dicht an dicht und alle sind hochkonzentriert. Gleich geht es los. Ich straffe die Schultern. Mache mich wie immer auf das Schlimmste gefasst. Als wir über die Hügel kommen, ist die Straße direkt unter uns. Irgendwo hier muss es sein. “Passt auf!”, ruft Jonas. Ein tanzendes Lichterpaar kommt aus der Ferne näher. Es sind die Scheinwerfer eines riesigen Reisebusses, der um die Kurve trudelt, unkontrolliert über die Fahrbahn, den Rand hinaus schlittert und schließlich mit durchdrehenden Rädern im Graben landet. Dabei splittert das Glas der Fenster und die Karosserie verbiegt sich krachend. Wir sind genau rechtzeitig da, kreisen den Bus von allen Seiten ein. Als keine Teilchen mehr durch die Luft sausen, lassen wir uns ein Stück fallen. Aus den Blechwänden steigen nun schwach glimmende Schemen auf, durchscheinend und nur sichtbar für unsere Augen. Es werden immer mehr. Wir nehmen sie in unsere Mitte. Sie flattern aufgeregt wie Schmetterlinge und versuchen, zu allen Seiten auszubrechen. Sie sind sehr schnell, doch wir sorgen dafür, dass uns keiner verloren geht.
Später, als wir auf dem Heimflug sind, frage ich mich, wohin der Bus unterwegs war, woher er kam. Und warum wir nicht eingreifen dürfen, den Lauf der Dinge einfach ändern. Herr Josef spricht dauernd vom Gleichgewicht.
Ich weiß nicht einmal genau, was er damit meint.

Samstag, 16. Mai 2009

Ueberarbeitung der "Papa-Geschichte" aus dem Virtuellen Seminar, Allgemeine Texte 3

@ANH: besten Dank fuer die Kommentare! Ich habe versucht, sie zu beruecksichtigen. Das Ende ist immer noch offen, aber hoffentlich "runder". Zur "Dickung": dies ist ein Begriff aus der Forstwirtschaft und mir von zu Hause her gelaeufig, dasselbe gilt fuer "Schonung" (jetzt in der Ueberarbeitung): gemeint ist ein dichtes, angelegtes Nadelwaeldchen - die Baeume stehen sehr dicht, die Zweige ueberlappen sich. Falls die Woerter zu gesucht oder speziell sind, koennte ich sie auch durch andere ersetzen.

Hier nun die ueberarbeitete Fassung:


Nur wenn er schießt, ist Papa ruhig. Rumpf und Arm bilden einen rechten Winkel; Papa zielt, ohne zu zittern, ohne zu schwanken.

Die gemeinsamen Mahlzeiten - das Frühstück, das Mittagessen, das Abendessen - sind am schlimmsten. Unsere Blicke weichen aus, wir wollen Papas Hände nicht sehen, wollen nicht sehen, wie ihr Zittern Wellenringe in der Teetasse wirft, nicht sehen, wie an den Zinken die Wurstscheibe wackelt. Ich fixiere einen Punkt an der Wand, knapp über der Stuhllehne, doch die Ohren lassen sich nicht schließen: "Scheiße!", zischt Papa hinein in das Schweigen.

Er trifft immer ins Schwarze. Als wir die Schussschneise abschreiten, kann ich bereits aus der Ferne die durchlöcherte Schießscheibe erkennen. Im Lehmwall stecken die Kugeln, ich kratze sie heraus und Papa steht daneben. Wir sind die ersten am Schießstand. Obwohl wir allein sind, nehmen wir den Hörschutz nicht ab.

Wenn das Schweigen unerträglich wird, fange ich an zu zählen: eins, zwei - "Scheiße!" Selbst am Küchentisch trägt Mama Schürze. "Was hat er?" "Dein Vater ist krank, du mußt jetzt ganz lieb zu ihm sein." Er legt sich längs auf die Küchenbank und schläft sofort ein. Wir bemühen uns, beim Abwaschen keinen Lärm zu machen. Auf der schmalen Bank, wirkt Papa verkleinert, fast friedlich, wie je schnurrt sein Schnarchen durch das Geschirrklappern.

Ich wünsche mir einen Hörschutz für die gemeinsamen Mahlzeiten. Die Kugeln bürste ich sauber und fülle sie in Plastiksäckchen, zentnerschwer lagern die zerplatzten und verbeulten Geschosse im Keller. Seit sie einen Kranken im Haus hat, bindet Mama die Schürze nicht mehr ab. "Was ist los mit dir?", murmele ich, als ich die Kugeln aus dem Lehm kratze. Papa steht daneben und hört mich nicht.

Er zieht mich hinter sich her, beim Auto bleibt er stehen: "Wir müssen reden!" Er zieht mich weiter, hinein in die Dickung, die feuchten Tannenzweige schlagen uns ins Gesicht, erst auf einer kleinen Lichtung halten wir an. Unsere Gesichter sind rot und erhitzt. Papa sitzt vor mir im ausgebleichten Gras und zittert und schwankt. In der Ferne krachen Schüsse, ihr Echo hallt durch die Schonung. "Komm", sage ich, "die anderen sind da!" Ich gehe los. Ich schaue mich nicht um.

Ich kauere am Heck, horche auf das Echo der Schüsse. Eins. Zwei. Die Kugeln in den Taschen ziehen die Jacke zu Boden. Die Reifen der eintreffenden Autos rollen langsam über den knirschenden Splitt. Immer öfter krachen die Schüsse. Irgendwann, nach sehr langer Zeit, kommt Papa aus dem Wald.

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Pierre Lachaise - 19. Mai, 18:05
@pierre
Wenn ich die evozierten Gefühle auf den Begriff...
Valivarius - 17. Mai, 18:00
@valivarius
danke für deinen kommentar trotz schwierigkeiten....
Pierre Lachaise - 16. Mai, 02:45

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