Freitag, 6. November 2009

lackschwaerze. im club

corona trank sie die juenglingin
im blauen flackern ihr haar.
sie liebe akte so die t-shirt -

brust der bleichen
schwarze jeans.

sie rieche so gut. sekundenriff
- ein jagen. argonkalte
blicke. auf grauer zunge ihr bild

Donnerstag, 5. November 2009

Im Wartezimmer

Länder – Berge – Meere! Dieser Sehnsuchtsruf einer Frau, die sehr beschwert war von ihrem Körper und zwischen Gummibaum und Sitznachbarin eingeklemmt dasaß, als habe hätte man sie aufgebockt, veranlaßte einige Wartende, kurz den Blick von den Illustrierten zu heben. Mehr Spaß beim Sex! Sieben Kilos runter in drei Wochen! Ist der Prinz meschugge? Und wWie gerufen trat der Chefarzt höchstselbst ins Wartezimmer, als braungebrannter Abgesandter jener südlichen Länder, die der so sehnsüchtige Dreiklang evoziert hatte; das Stetoskop war eine Muschelkette. Er half der Frau beim Aufstehen., d Die wurde porös, ließ sich tragen, entschwebte auf Lachgaswölkchen. In der Trinkwassersäule stiegen die Atemblasen der Perlentaucher; ein Badehandtuch bedeckte den Operationstisch.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Ein Tagelied

Vorweg: Dieses Tagelied ist im Rahmen eines mittelhochdeutschen Proseminars entstanden. Aufgabe war es, die Thematik des mitteralterlichen Tageliedes (der schmerzhafte Abschied beim Anbruch des neuen Tages nach einer heimlichen Liebesnacht) auf die Moderne zu übertragen und so ein neuhochdeutsches Tagelied zu produzieren. Dabei sollte die Kanzonenform eingehalten werden. Deswegen mag das Lied nun um einiges, sagen wir, `traditioneller´ klingen als die meisten der bisherigen Beiträge.

Die Nacht beginnt.

Die Nacht beginnt,
die Dunkelheit gewinnt
den müden Kampf gegen den Tag.
Beim Mondscheintanz
unter der Sternen Glanz -
die Welt ist so, wie ich sie mag.
Dann singt die Nacht ganz heimlich still und leise
das Lied der Liebe nur für uns allein.
der Sternenstaub zieht um uns weite Kreise
und ich kann hier mit dir für immer sein.

Bis der Tag erwacht,
denn mit ihm geht die Nacht,
und mit ihr gehst du fort von mir.
Die Sonne dringt
durchs Fenster ein und singt
ganz leise: Er ist nicht mehr hier.
Denn es kann stets nur einen Sieger geben,
im morgendlichen Kampf siegt Sonnenschein.
Die Nacht gibt auf ihr dunkel-düstres Leben,
doch nur um abends wieder Herr zu sein.

Ihre Wissenschaft ist meine Libido!

Émile legt das Manuskript in den Einzug und beobachtet wie der Kopierer die erste Seite schluckt. Er wippt im Rhythmus der Kopien von den Fersen auf die Zehen. Der Kopierer schluckt die zweite Seite, legt die dritte frei, eine Lithographie, kaum Kontrast. Ein blasses Gesicht, hohe Stirn, Nickelbrille, buschige Henriquarte. Émile schließt die Augen, wippt und wippt, Vorlagen werden eingezogen, Kopien ausgespuckt. Ein Piepsen bringt ihn aus dem Rhythmus. Er löst die Seitenverkleidung und zieht das zerknitterte Papier aus der Walze, drückt «fortfahren». Ein Brief, die Handschrift, das S ohne Kurven, nur ein Strich, Querstriche über den Langvokalen. Émile liest stumm, zerknüllt mit dem letzten Satz das Papier, wirft es gegen die Wand, setzt sich auf den Boden, klopft mit den Knöcheln seine Stirn: «Er weiß, es kennt ihn jedes Kind» und starrt in die Papierausgabe. Die Kopien gleiten auf den Stapel. Das Druckgeräusch verstummt, er kniet vor dem Kopier, nur die Transportrollen drehen noch nach. Er nimmt die letzten Kopien, zerrt am Stapel, ihn zu zerreißen. Ein kleines Donnerblech, das in Schwingung gerät. Er schlägt den Stapel gegen den Kopierer, ein Scheppern. Lässt sich auf den Bauch fallen, wimmert, seine Wange berührt die Fließen. Er sieht sie unter der Eckbank, kriecht unter den Tisch, zu ihr. Gebückt, im Schneidersitz, die Maschine vor sich, zerschneidet er den Stapel in ungleiche Teile. Er kehrt die Schnipsel zu einem Häufchen, krabbelt unter dem Tisch vor, schiebt es vor sich her, steht auf, zieht mit Zeige- und Mittelfinger seinen Scheitel nach, klopft seine Hose ab, steckt das Manuskript in seine Mappe, die Schnipsel in seine Jackettaschen, verlässt den Kellerraum.
Im Hörsaal setzt er sich in die erste Bank, zieht einen Klammeraffen aus seiner Mappe, legt ihn neben sich. Émile schließt die Augen, fährt mit seinen Fingerkuppen über das Holz, die Scharniere, die Stiftrinne, über die eingeritzten Sprüche. «Wenni, wen nie, nein, Wennihndiewelt, wenn ihn die welt, dieerbet, die er betrog». Er starrt auf den Tisch: «mit großen klaren Augen misst», an die Decke, beißt auf die Backenzähne, dass die Kieferknochen pulsieren, spreizt die Finger und beobachtet sich, wie er auf den Klammeraffen schlägt, immer wieder mit der flachen Hand, Klämmerchen rieseln auf den Marmor. Die Mappe unter dem Arm, verlässt er den Hörsaal, das Seminar, überquert den Kopernikusplatz.
Vom Café im Winkel aus beobachtet er, wie der Wind die Spur zerstäubt, Schnipsel, die aus seinem Jacket gefallen sind, beige Drei- und Vierecke. Kinder jagen Tauben nach. Ein kleiner Junge betrachtet ein Dreieck, Vorder- und Rückseite, nimmt ein zweites, hält sie aneinander, gegen die Sonne, dreht sein Kaleidoskop, lässt Formen entstehen, wie es seine Handgelenke zulassen. «Und keimt schon in des Knaben Blick», da ruft ihn sein Vater. Er dreht sich im Reigen, wird schneller, quiekt, wirft die Schnipsel in die Luft und rennt über den Platz, um eine Hausecke. Émile zieht zwei Schnipsel aus seiner Tasche, hält sie aneinander. «Darf ich Ihnen» - «Tee.» Er zündet sich eine Zigarette an und verschmort die Schnipsel mit der ersten Glut, zieht die restlichen aus der Tasche, klemmt sie unter den Aschenbecher, nimmt seinen Federhalter aus der Innentasche, schreibt, steckt den ersten Schnipsel in seine Mappe, schreibt auf dem nächsten weiter. Seine Beine zappeln unter dem Tisch, bis sich ihre Bewegungen im Rhythmus der Rathausglocken finden, ihn weiterführen, nach dem letzten Schlag. Er zieht den letzten Schnipsel vom Stapel, schreibt. «Darf ich noch» - «danke. Zahlen.»
Ein Schatten über Émile. «Ihre Wissenschaft war meine Libido!» Georg klopft Émile auf die Schulter, setzt sich ihm gegenüber, knöpft sein Jackett auf. «Soll das erotisch sein? » Émile steckt den Schnipsel in seine Mappe. «Émile.» - «Georg.» - «Ist etwas?» - «Das macht 2, 50.» - «Später, wir bekommen zwei Pils. Wegen Andrea?». Georg klebt sich ein Zigarettenpapier an die Lippe, lockert die Tabakfäden in seinem Beutel. «Hast du das Manuskript schon?» Émile schüttelt den Kopf, beobachtet sich, wie er die Fingernägel von Daumen und Zeigefinger abwechselnd über- und untereinander schiebt, ein Knistern vom Wackelkontakt. «Noch nicht fertig.» - «Was liest er heute?» - « Keller. Gedichte.» - « Ich liebe Keller.» Georg klopft mit den Knöcheln auf den Tisch, ein Lidschlag, Émile schaut auf. «Wenn du wegen Andrea so guckst, brauchst du das echt nicht tun. Ruf sie an, sie wartet bestimmt. Sie hat Dinge gesagt, du hast Dinge gesagt, dann sind die Dinge so im Raum gestanden, dann hat es niemand mehr ausgehalten da, beide sind gegangen, jeder woanders hin, in eine andere Ecke zum Schmollen.» Georg befeuchtet die Klebefalze, rollt den Tabak zur Zigarette, zündet sie an. «Die Dinge da im Raum stehen da, weil die so sind. Jedenfalls meine.» - «Glaubst du.» - «Sie hat gelogen, sie treffen sich, betrügen mich beide.» - «Und wenn. Ich lüge ständig. Keller. Ehrlich gesagt, ich finde ihn ermüdend, gut, ich kenne ihn kaum, hat der überhaupt Gedichte geschrieben?» - «Georg, das ist anders.» Die Kellnerin stellt zwei Tulpengläser auf den Tisch, die Brauereimarke flattert am Stiel. «Zum Wohl.» Georg prostet ihr zu. «Ziemlich früh am Tag.» Er lacht, sie stoßen an. «Eichendorff, Storm, alle ermüdend, sagt bloß niemand.» - «Ich ekle mich.» Émile nippt an seinem Glas. «Das klingt neurotisch.» - «Vor dem, was ich weiß.» Georg trinkt sein Bier auf einen Zug leer. «Émile, ich muss los, wir reden nach der Sitzung. Wir sehen uns später bei Weingartner, c.t., nicht wahr? Zahlst du für mich mit, ja? Ich hab gerade nichts einstecken. Und ruf sie an. Bis später.» Am Café läuft der kleine Junge vorbei. Die eine Hand beim Vater, in der anderen hält er einen Stock, kein Wanderstab, mehr Schwert oder Wünschelrute. Émile legt Münzgeld auf den Tisch, nimmt seine Mappe unter den Arm und folgt ihnen in die Fußgängerpassage.
Den Jungen zieht es mit ausgestrecktem Arm zu dem Blumentopf vor der Bäckerei. Silberblatt, die Blüten lila. Der Vater hält seine Hand fest, der Junge beobachtet, wie er an den Blumen vorbeilaufen muss. Émile nimmt den Schlenker, dicht an den Blumen vorbei, streicht sie sachte mit dem Handrücken. Sie biegen in die Zeugstraße, der Junge schlägt gegen die Regenrinne am Hauseck, sie scheppert. Der Vater reißt ihm den Stock aus der Hand, stellt ihn an die Hauswand, nimmt seinen Jungen auf den Arm, noch bevor er anfängt zu heulen. Émile nimmt den Stock, beobachtet wie sie sich entfernen, dann schlägt er gegen die Rinne, das Heulen verstummt. Der Junge schaut auf, das Kinn auf der Schulter des Vaters, ein breites Grinsen, Émile hebt die Hand, um zu winken, da biegen sie um die Ecke. Émile steht in der Straße mit den schönen Fassaden, Ornamenten aus Stein, da wohnt er. Er drückt mit der Schulter die Türe auf, da steht er im Innenhof, wo die Straßengeräusche nicht da sind, lässt den Stock fallen.
In ihrem Zimmer ist es stickig, Émile lüftet nicht, schiebt Papiere und Bücher mit dem Fuß an die Wand. Er zieht die Kopien aus der Mappe und legt sie den Dielen entlang auf den Boden. Wo der Platz nicht reicht, legt er sie im Fächer, vierzig Duplikate, der Zimmerboden ist bedeckt. Er bewegt sich auf Zehenspitzen, die er versucht in die freien Stellen zu setzen «Dieses Spiel, wenn wir zum Supermarkt gelaufen sind. Es war nie freiwillig. Einmal daran gedacht, musste man das spielen. Die Linien der Pflastersteine durften wir nicht berühren, sonst war man verbrannt. Betrügen konnte man auch nicht, jeder für sich wusste es ganz genau, wann er verbrannt war. Voreinander haben wir dann gesagt, nein, das gilt nicht, ja, das gilt nicht, aber wir wussten, dass es immer gegolten hat. Oft, wenn sie aus dem Gleichgewicht gekommen ist, bin ich auch auf die Linie getreten, damit wir den restlichen Weg gemeinsam rennen konnten, über den Zebrastreifen auf die Straße ohne Pflaster. » Er bewegt die Maus, holt den Computer aus dem Schlaf-Modus und öffnet den Editor, schiebt die Papiere und Bücher an die Schreibtischkante, schüttet die Schnipsel aus seiner Mappe, sortiert sie, ein Mosaik entsteht. «Wir hatten uns nie geschubst. Als ich bei ihm einen festen Stand gefunden habe, habe ich sie zu mir genommen, dann schubst sie mich auf die Linien, dass ich verbrenne. Oder er, das weiß ich nicht.» Er tippt einen Schnipsel ab, zerknüllt ihn, nimmt den nächsten. Keine Korrektur, eins zu eins. Anzahl, vierzig, drucken. Er beobachtet wie die ausgedruckten Seiten auf den Stapel gleiten. Die Patrone fährt zurück in das Druckergehäuse, eine Kadenz, Genugtuung stellt sich ein. Schläge auf den Klammeraffen. An zweiter Stelle oder in der Mitte, für Weingartner heftet er die Seite an das Ende.
Émile öffnet die Fenster, lüftet den Hörsaal, kontrolliert, ob genügend Kreide da und der Schwamm feucht ist, verteilt die Manuskripte auf die Bänke, setzt sich in die erste Reihe. Im Blick zur Tür sieht er den Stock. Die erste Studentin betritt den Saal, setzt sich, nimmt ein Manuskript und blättert, er merkt, dass sie ihn in den Nacken starrt, springt auf, greift seine Mappe, an der Tür den Stock, verlässt den Hörsaal, das Seminar und steht auf dem Kopernikusplatz.
Von der Seite, eine Stimme. «Émile, bleibst du nicht zur Vorlesung.» Er beschleunigt seinen Schritt, der Stock kreist elliptisch in der Waagrechten, Eisenbahnmechanik. Von weitem hört er Georg wieder. «Émile, wohin denn, Émile, bist du verrückt?» Er rennt die wenigen Meter bis zur Fußgängerpassage. «Émile, bleiben Sie nicht zur Sitzung?» Weingartner hält ihn am Arm. Émile schüttelt den Kopf. «Sie wissen wohl schon alles.» - «Wenn man an ihm vorübergeht, pfeift er aus Verlegenheit.» - «Keller, Lied vom Schuft, nicht wahr?» - «Die Jamben sind ziemlich ermüdend.» Weingartner löst seinen Griff. «Kennen Sie sich schon?» Andrea nickt. «Eine äußerst begabte Kommilitonin, finden Sie nicht auch?.» Im Innenhof, wo die Straßengeräusche nicht da sind, zieht er mit Zeige- und Mittelfinger seinen Scheitel nach, merkt an den Haaren, dass er schwitzt. Er muss gerannt sein.

Dienstag, 20. Oktober 2009

zwischen den bäumen

so ein perfekter untergang.
sie steht auf dem seil und vergisst den tag.
ein orpheus-imitat am hügel.
der amselgesang zur wandergitarre
dringt dumpf durch ihre stereomuscheln,

die schallen: zwei. und unterm bügel
die weiße baseballmütze. die wangen
schon leicht gebräunt. die augen tiefschwarz
und ohne weißes. orpheus fuchtelt
fliegen weg. dann spielt er metall.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Venezianisches Glas II

Venezianisches Glas

Die Welt besehn durch eine Schicht
aus Fasernglas und Filigran.
Gedichte, die wie Netze sind -
den Dingen aufgelegte,
trübe Muster einer
andern Zeit und
Wirklichkeit.


@ANH:
Ich habe mal einen minimalen (banalen?) Griff versucht, der einen "impliziten" Reim hervorbringt.

Dienstag, 6. Oktober 2009

So. es geht wieder los. Wintersemester 2009/10.

Ich bin wieder da und schau jetzt mal, was angelaufen ist. Real sehen wir uns am nächsten Mittwoch, 18 Uhr ct.

(Falls ich einen Text übersehen sollte, mir bitte hierunter in einem Kommentar den Hinweis drauf geben.)

Sonntag, 9. August 2009

Lyrik-Zirkel

Wöchentlich. Seit kurzem. 0,5 Fremdlyrik, 0,5 eigene Lyrik.

Wer Interesse hat, möge sich bei mir (hirtenboy@googlemail.com) melden.

herr_urian

Sonntag, 2. August 2009

Nachmittag am See

All-ein der Tag. Die Hitze.
Die Körper und Pflanzen und Köpfe.
Das schwelende Schweben von Luft in zu dichten Schichten,
durchdrungen von sengendem Licht

Strahlende Kindergesichter.
Sie entfachen ein Feuer inmitten der still liegenden Schar
der Sonnenseligen, Saboteure des Stillstands
kreischen und tanzen um den Rauch
mit wehenden Tüchern, Könige und Königinnen der Wildnis
auch hier, wo strähnenbleiche Trägheit herrscht
bis die grüne Kühle des Sees sie magisch durchbricht

dann im seichten Wasser Zug um Zug
dem anderen Ufer entgegen
sich gleitend die Gliedmaßen bewegen
Und eine Stimme, die ruft: Du, schwimm nicht weg
wir wollen doch zusammen bleiben!
Und einig treiben in der Mitte des Sees
Drei Mädchenaugenpaare zwischen stillen Wellenbergen
glitzert das Glück in Miniatur
taucht keines unter
schwimmt keines zurück
bleiben alle wunschlos zeitlos hier
An der Grenze des Himmels

Freitag, 17. Juli 2009

Lektüre

Nachdem es hier ziemlich still geworden ist können wir damit füllen, eine kleine Buchliste zu machen, die dann vomMeister, kollektiv oder überhaupt nicht redigiert werden können.

Susan Sontag: Under the Sign of Saturn. Essays

Sonntag, 21. Juni 2009

Venezianisches Glas

Die Welt besehn durch eine Schicht
aus Fasernglas und Filigran.
Gedichte, die wie Netze sind -
den Dingen aufgelegte
trübe Muster einer andern
Wirklichkeit.

Freitag, 19. Juni 2009

?

Ich hätte noch eine Frage zum weiteren Ablauf: Lektorieren Sie über die vorlesungsfreie Zeit weiterhin die Texte, oder ist das bis zum nächsten Semester hier nur unsere "Spielwiese"?

Sie hatten in der Livesitzung letzten Monat auch angekündigt, hier eine Liste mit aus Ihrer Sicht relevanter Literatur einzustellen. Es wäre schön, wenn Sie das - früher oder später, es eilt absolut nicht - posten könnten.

Ich hoffe ebenfalls, das es nächstes Semester weitergeht. Ist das denn noch nicht sicher? Fragen über Fragen, die vielleicht gestern schon beantwortet wurden, nur war ich leider verhindert.

Beste Grüße an euch alle

M.Bargo

Dienstag, 16. Juni 2009

...

Da war er. Er kreiste langsam aber sicher unweigerlich vorhanden in ihrem Geist herum und wollte sich nicht sagen lassen, doch nun hatte sie ihn.
Hastig nahm sie einen Stift und bannte ihn auf Papier, damit er ihr nicht mehr hinterrücks ins Genick fallen konnte, und da stand er, grau auf weiß.
Seine Bedrohung war jetzt kein bloßer Schatten mehr, der sie in dunklen Stunden quälte, ohne dass sie ihn je klar sehen konnte, ihre Gedanken durcheinander brachte und in einem unaufhaltsamen Strudel mit sich fortriss. Ja es war ein Strudel, mit unendlich vielen Windungen und glibberigen beinahe-Lösungen, die doch nie irgendwohin führten als im Kreis.
Nach einigem Anstarren war sie sich klar, dass dieser Gedanke ihr Weltbild zerstören würde, sofern sie nicht vorher ihn zerstören könnte.
Sie zündete sich eine Kerze an und dachte.
Dachte länger. Dachte angestrengt. Fieberhaft. Verzweifelt. Panisch. Es ist unmöglich!
Er riss sie in seine Untiefen wie ein zerfetztes Blatt, auf dem einmal Wahrheit gestanden hatte, und jetzt nur noch relativ.
Runde Eins geht wohl an ihn.
Nicht so schnell! Dachte sie und holte sich erst einmal ein Bier.
Die ersten Schlucke waren sehr hastig und ihre Hände seltsam feucht, so dass ihr abwechselnd der Stift oder die Flasche entglitt, doch sie leugnete ihre Nervosität und versuchte, das Problem durch Ablenkung herunterzuspielen, aber nicht einmal Bach konnte ihre Aufmerksamkeit länger als 5min bannen. Kapitulation.
Immer noch war er da, auf diesem verfluchten Blatt Papier. Hätte sie ihn doch nur nie aufgeschrieben!
Nach reiflicher Überlegung, ob sie das denn gelten lassen könne, drehte sie sich erst einmal eine Zigarette.
Starrte ihn an.
Er starrte zurück.
Nach einer Viertelstunde war sie sich sicher, er hat Augen, besser gesagt eines und das sah ein bisschen so aus wie das dessen-Namen-man-nicht-nennen-darf aus einem Fantasy-Film... oder nein, das war ein anderer... egal. Es war böse.
„Du kannst mich niemals besiegen!“
Das kalte Feuer, das aus dem Mund des Dämons drang, drohte die zwergenhafte Angreiferin beinahe zu verbrennen. Sie dachte daran wie leicht es doch wäre, jetzt einfach den Stift wegzulegen und sich verzehren zu lassen, und wie er sie lockte mit süßen Sünden, dem Ende aller Zweifel...
Aber da kam ihr plötzlich ihre Heimat in den Sinn, all die Stunden, wo man fröhlich und friedlich disputierend zusammensaß, nicht eingedenk der Bedrohung, die tief im Westen hinter massiven Buchdeckeln und unendlich vielen Staubpartikeln verborgen auf sie wartete.
Wartete.
Wartete.
Die zwergenhafte Angreiferin hob schmerzvoll und tapfer ihren Blick, unbeugsamer Wille und Mut in ihren strahlend braunen Augen leuchtend, drückte in einer einzigen eleganten Handbewegung ihre Zigarette aus, nahm die Flasche Bier in ihre rechte Hand, streckte sie hoch in die Luft und erwiderte:
„Wir sind Menschen. Wir haben Waffen gegen dich!“
Das Auge blinzelte kurz, als würde es just in dem Moment seine nicht vorhandenen Beine überschlagen und seine ebenso wenig vorhandenen Fingernägel betrachten und sagte fast gelangweilt: „Ach ja?“
Die zwergenhafte Angreiferin war nun gar nicht mehr zwergenhaft, sondern groß wie ein Baum, rammte ihre Füße in die Erde, die Flasche Bier auf den Tisch, legte seine Fingerspitzen vor dem Gesicht zusammen, senkte seine Nasenspitze um 2,5cm und fing an mit tiefer, hypnotisierender Stimme zu sprechen:

„Wenn P, dann Q
P
Ergo Q!“

Die Stimmung war angespannt und bedrohlich. Der unbeachtet über die Sessellehne geworfene Trenchcoat knisterte leise, als der Inspektor sich ein Streichholz aus der Tasche holte um sich seine Pfeife anzuzünden, zum letzten Mal vor Dienstschluss, und - insofern er das richtig einschätzen konnte - wohlverdient.
Die Beweise lagen nun auf dem Tisch und waren so gut wie nicht widerlegbar, er brauchte nicht mehr mit der Jagd nach Indizien seine Zeit und seine Geduld verschwenden.
Das Argument war ungültig.
Leise klopfte es an der Tür. Er legte schnell die Beine auf den Tisch und sagte souverän „herein“, und nur wenige Sekunden später betratet Moneypenny sein Büro, um irgend etwas belangloses zu sagen wie: „der Generalstabspolizeichef wurde soeben ermordet“, als er sie schon um die Hüften fasste, auf den Schreibtisch warf und ihr heiser ins Ohr flüsterte: „Nicht immer so steif. Lassen sie sich doch einfach einmal gehen.“
Erstaunt blickte sie ihn mit ihren unglaublichen Bambi-Augen an und flüsterte beinahe erschrocken: „Aber vorhin am Apparat, sie sprachen von Bedrohung...“
Der Inspektor löst widerwillig seinen Blick von ihrem äußerst aparten Ausschnitt, unterdrückt mit Mühe und einem lauten Räuspern den Impuls seiner Hände und sagt: „Natürlich. Ja. Sie haben Recht. Der Grund. Alles hat einen Grund. Das menschliche Denken basiert auf Prinzipien: Ähnlichkeit, Berührung und Kausalität. Schreiben sie das auf. Sofort. Das gehört in Akte G." "Entschuldigen sie, Herr Inspektor, aber Akte G wird derzeit vom Ministerium für sicherheitsgefährdende Täuschungen anhand lebenslanger Studien überprüft. Der zuständige Kommunikationsbeamte meinte in unserem letzten Gespräch bezüglich dieser Akte, wir müssten hier im Dezernat für geistige Gesundheit vorläufig auf andere Mem-Akte zurückgreifen." "So? Mhm. Dann ist es wohl nicht so wichtig. Schmeißen sie die Notiz in den Papierkorb."
"Sehr wohl, Herr Inspektor. Und dürfte ich vielleicht das Fenster kurz öffnen? Es ist wirklich sehr dunkel und stickig hier drin."
Der Inspektor lässt sich in einem plötzlichen Anfall von Mattigkeit in seinen Schreibtischledersessel fallen. Durch die nun geöffneten Vorhänge fällt Licht auf sein graues Gesicht. Er blinzelt hastig. Staubpartikel tanzen um ihn im Lichtkegel, er denkt: "Sie waren die ganze Zeit da. Ich habe sie nur nicht gesehen." Müde senkt er den Kopf und murmelt leise: "Bringen sie mir bitte einen Kaffee, Miss Moneypenny, ja?" Sie nickt, er schaut nicht hin. Hört das Klacken der schweren holzvertäfelten Tür seines Büros. Vogelgezwitscher. Vor ihm auf seinem Schreibtisch liegt ein weißes Blatt, da steht er geschrieben: Illusio.
Er drückt auf einen Knopf an der Unterseite der zerkratzten Mahagonyplatte vor ihm und fällt in ein Loch zu seinen Füßen, ein Tropfen, ein Stein, ein Gedanke..
Die Kerze ist ausgebrannt. Der Zettel zerknittert, zerwühlt, zerdacht. Partikel schießen frei in Atmosphäre. Grün, grün, grün. Blau. Ein Moll-Akkord. Flussabwärts. Tag.

Montag, 15. Juni 2009

Ausflug

Es lebte einmal eine Kuh auf einer Wiese. Sie hatte keine Freunde außer dem Gras zu ihren Füßen und dem Himmel über ihren Hörnern. Der Wind flüsterte ihr Träume von Liebe und Abenteuern zu und sie begann sich zu sehnen. Vor lauter Sehnsucht konnte sie nicht mehr schlafen und auch nicht mehr fressen. Eines Morgens war ihre Sehnsucht so groß, dass sie beschloss, auf Wanderschaft zu gehen. Sie lief und lief und lief und es gab nichts außer Himmel und Wiese. Als sie so lange gegangen war, dass sie entkräftet zu Boden sank, sah sie am Horizont einen Baum. Sie stemmte sich hoch und lief darauf zu. Je näher sie kam, desto mehr Bäume konnte sie ausmachen. Und bald war da ein ganzer Wald.
Sie folgte einem schattigen Pfad zwischen die Bäume. Alles war voller Leben. Es gab Vögel, Insekten, Mäuse und andere größere Tiere, die sie nicht kannte. Der Wald war erfüllt von Geräuschen, der Wind entlockte den Baumkronen seltsame Lieder, die Vögel sangen dazu im Geäst. Bienen und schillernde Fliegen schwirrten summend durch die Luft, Grillen zirpten, Laub und vertrocknete Äste knirschten bei jedem Schritt. Die Kuh ging umher und staunte, die Lieder des Waldes ließen ihre müden Beine tanzen. Gefangen von der Schönheit ruhte und rastete sie nicht.
Als die Nacht hereinbrach, war sie völlig erschöpft und wollte sich schlafen legen. Sie fand einen Platz auf einer Lichtung, dort konnte sie den vertrauten Nachthimmel sehen. Sie schloss die Augen und versuchte zu schlafen, doch da fiel ihr auf, dass die Geräusche des Waldes nicht verstummten, im Gegenteil: Sie änderten sich. Die Grillen schienen übermäßig laut, das Rauschen der Blätter beinahe bedrohlich. Unheimliche Vögel mit riesigen, glühenden Augen gaben klagende Laute von sich und in der Ferne erklangen die Stimmen eines heulenden Chors. So lag sie wach und lauschte und je länger sie lauschte, umso mehr Stimmen nahm sie wahr. Das verwirrte sie, und ihre Ohren begannen zu schmerzen. Aufgeregt stand sie auf und ging zwischen den Bäumen umher, doch sie fand keinen Ort, an dem es still war. Nach langem Suchen und Herumirren im Wald brach der Morgen an und die großen, unheimlichen Vögel wichen hunderten kleinen Vögeln, die ausgelassen den neuen Tag begrüßten. Unausgeschlafen und verwirrt, begann die Kuh die Gesänge des Waldes zu verabscheuen. Gab hier denn nie jemand Ruhe? Immer mehr wuchs ihre Abscheu. Schließlich verließ sie den Wald. Sie lief und lief und lief, bis sie an ihrer alten Wiese angekommen war. Es hatte sich nichts verändert, nur das Gras an ihrem Liegeplatz hatte sich ein wenig aufgerichtet. Sofort schlief sie ein und sie träumte nichts und als sie aufwachte, begann sie zu fressen.

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@Herr Urian zu "lackschwaerze....
S e h r viel besser als im Realseminar! Nur zwei Kleinigkeiten,...
albannikolaiherbst - 6. Nov, 12:39
lackschwaerze. im club
corona trank sie die juenglingin im blauen flackern...
herr_urian - 6. Nov, 10:51
@ANH
Es freut mich, dass Ihnen der Text gefällt. Vielen...
maudit - 5. Nov, 21:31
Im Wartezimmer
Länder – Berge – Meere! Dieser Sehnsuchtsruf...
maudit - 5. Nov, 21:26
@Maudit zu Im Wartezimmer.
Wunderbarer Text! Ich hab da nur Kleinigkeiten anzumerken: Länder...
albannikolaiherbst - 5. Nov, 09:14

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